Wie sollte man in Mannschaftskämpfen spielen?

Dirk Paulsen hat den Spielbericht von Martina Skogvall zum Sieg der zweiten Mannschaft der Schachfreunde Berlin gegen Weisse Dame kommentiert. Dabei geht er auf meine Partie gegen Franko Mahn ein. Zur Schlussphase der Partie schreibt er:

Um ehrlich zu sein erinnert mich diese Art der „Gewinnführung“ des Dr. Wintzer an eine uralte Partie von Aaron Nimzowitsch, aus Karlsbad 1929, als Nimzowitsch – später Turniersieger vor Casablanca [gemeint ist sicher Capablanca], mit diesem halben Punkt – gegen Paul Johner eine totremise Stellung, ohne jegliche Perspektive, zig Züge weiter spielte, bis Johner, einfach so, ohne jegliche Motivation, anfing, eine Figur nach der anderen einzustellen, um Nimzowitsch damit die Sinnlosigkeit seiner Fortsetzung auf bösartige, aber verderbliche Art, vorzuführen gedachte. Sicher, Punkt ist Punkt.

Wer kennt nicht diese berühmte Nimzowitsch-Anekdote?

Nun, ich kannte sie nicht.

Und ich habe von und über Nimzowitsch das eine oder andere Buch gelesen, darunter das Turnierbuch zum Karlsbader Turnier 1929.

Die von Dirk Paulsen erwähnte Partie verlief folgendermaßen:

 

Diese Partie konnte offensichtlich nicht gemeint sein.

Stellung nach 29…Te1

Nach dieser Klärung fiel mir eine andere Begegnung zwischen John [sic!] und Nimzowitsch ein. Diese hat eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit Paulsens Geschichte. Im Vorspann zu Nimzowitschs „Mein System“ findet sich eine Lebensbeschreibung des Autors aus der Feder von Jacques Hannak. Unter der Überschrift „Selbstschädigung“ finden sich einige Beispiele für Nimzowitschs mitunter seltsames Verhalten:

Zu einem ebenso dramatischen wie tragikomischen Zwischenfall kam es in Hamburg 1910 am Tage der Turnierpartie, die Nimzowitsch mit John zu spielen hatte. Walter John war seines Zeichens Apotheker in einer Provinzstadt und schon Goethe lächelt in „Hermann und Dorothea“ über den „würdigen Apotheker“, also den Typus wohlmeinender Korrektheit und Ordnung. Gerade diese Art aber lehnte die anarchistische Lebensauffassung eines Nimzowitsch ingrimmig ab. Als Schachspieler nur zweiten Ranges, tat sich der sonst recht freundliche und liebenswürdige John um so mehr zugute auf seine staatsbürgerliche Woh1bestalltheit und den Ehrenkodex seiner Studentenjahre. Was er für Nimzowitsch war, das war umgekehrt Nimzowitsch für ihn: ein Greuel.

Über das weitere erfahren wir aus Eduard Laskers Buch „Chess Secrets“ (Seite 104 f.): „Als Nimzowitsch gegen John anzutreten hatte, kam er um 45 Minuten zu spät in den Turniersaal. John, der seinen ersten Zug gemacht hatte, ging im Raum nervös hin und her, sich vielleicht in der Hoffnung wiegend, daß Nimzowitsch am Ende gar eine Stunde auf sich warten lassen werde. In diesem Falle hätte John die Partie kampflos gewonnen. Als aber Nimzowitsch schließlich doch erschien fünfzehn Minuten vor der Kontumazierungsfrist – ließ er durchaus nicht den Eindruck entstehen, daß er sich nun irgendwie zu beeilen habe. Anstatt sich zum Brett zu setzen, tat er wieder so, als ob er […] ein brennendes Interesse für die Ölmalereien an der Wand empfinde.
Er schritt von einem Bild zum anderen und prüfte jedes sorgfältig, obwohl er schon zwei Wochen lang täglich auf sie geblickt hatte. John merkte alsbald, daß Nimzowitsch irgendwas im Schilde führe und wurde rot vor Zorn über die verachtungsvolle Nonchalance, mit der Nimzowitsch Spiel und Gegner behandelte. Endlich kam Nimzowitsch zum Brett, machte seinen Zug, ohne sich niederzusetzen, und ging sofort wieder fort, um sich weiterhin in das Studium der Gemälde zu vertiefen. Dies wiederholte sich bis zum 16. Zug, und Nimzowitsch verbrauchte ostentativ dafür nicht mehr als fünf Minuten. Im 17. Zug bot er ein feines Bauernopfer an

und gewann neun Züge später die Qualität.

John hätte ruhig aufgeben können. Aber er war so wütend, daß er justament 82 Züge

lang weiterspielte, bevor er endlich kapitulierte. Am nächsten Morgen schickte er zu Nimzowitsch zwei Sekundanten, die eine Duellforderung überbrachten. Nimzowitsch lachte die zwei Herren nur aus und erklärte ihnen, er sei zu einem Duell bereit, aber bloß einem mit den Fäusten. Er wies auf seine Muskeln und riet den Herren, John zu warnen. Damit war die Duellgeschichte in Lächerlichkeit erstickt.

Vgl. Aaron Nimzowitsch: Mein System. Ein Lehrbuch des Schachspiels auf ganz neuartiger Grundlage, zweite verbesserte Auflage, Hamburg  1965, S. 13f.

Um mit Radio Eriwan zu sprechen: Ist der historische Bezug von Dirk Paulsen zutreffend?

Im Prinzip ja, aber …

  1. Nimzowitsch spielte gegen John, nicht gegen Johner.
  2. Die Partie wurde nicht in Karlsbad gespielt, sondern in Hamburg.
  3. Es ging nicht um das Endspiel, sondern das Verhalten jenseits des Bretts in der Eröffnung.
  4. Es war John, der eine verlorene Stellung lange weiterspielte, nicht Nimzowitsch eine „totremise“.

Oder es war alles ganz anders: Dirk Paulsen hat Nimzowitsch mit Tarrasch oder einem anderen Schachspieler verwechselt und erinnerte sich an eine weitere, mir nicht geläufige Begebenheit.

Mit dem Vergleich wollte Dirk Paulsen sein offensichtliches Missfallen ausdrücken, dass ich der Zugpflicht in einem Mannschaftskampf genügte. Das ist sehr ungewöhnlich. Mein Gegner bot mir während der Partie zu keinem Zeitpunkt die Punkteteilung an.

Prüfen wir zunächst seine Behauptung, die Stellung sei – wie bei der fiktiven Nimzowitsch-Partie – „totremis“ gewesen:

Völlig unmotiviert erscheint mir Franks Zug 102. (!!!) Kf2-e3,

weil er bis dahin doch nur dafür Sorge zu tragen hätte, dass er auf jeden Bauernvorzug des Schwarzen jeweils direkt die Blockadestellung davor aufbaut, also auf den Zug g4-g3 mit König nach h3 reagieren kann und auf den Zug h4-h3 mit König nach g3. So wie er spielte — König nach e3 — konnte Schwarz zunächst die Bauern bis auf die zweite und dritte Reihe vorschieben und dann im geeigneten Moment mit dem König einmarschieren.

Falls jemand Dirk Paulsen eine Wette anbieten sollte, mit welchem Ergebnis ein Ausspielen dieser Stellung in einem Wettkampf zwischen Komodo und Stockfish enden würde, würde ich ihm von dem Tipp „remis“ selbst bei einer Quote von 1 zu 100  freundschaftlich abraten. Matt in 16 Zügen – da könnte er einsteigen. Siehe die Variante:

Nun zeigt dieser Irrtum selbstverständlich nicht, dass die Partie nicht vorher haltbar gewesen wäre. Er zeigt indessen, dass selbst ein Dirk Paulsen die Partie hätte verlieren können, wenn er auf sein eigenes Urteil vertraut und den von ihm auch in der Analyse nicht als solchen erkannten Verlustzug gespielt hätte. So etwas kann immer geschehen, wenn man die korrekte Bewertung eines Endspiels nicht rekapitulieren kann, oder weil man sich verrechnet.

Ich war mir während der Partie sicher, dass das Endspiel nach dem Königsmarsch nach g3 gewonnen war. Aber nach acht Stunden Spiel mit nur noch einer Minute auf der Uhr alle Varianten sauber zu berechnen, das ist für beide Seiten nicht einfach. Daher hatte ich mich während der Partie schon darauf eingestellt, erst den Damenflügel aufzulösen, um Weiß das Reservetempo a2-a3 zu nehmen. Zugzwang konnte ja eine Rolle spielen. Auf diese Weise hätte ich zudem weitere Bedenkzeit hinzugewonnen. Als ich durch Hin- und Herziehen zwei Minuten angesammelt hatte, um das Endspiel zu berechnen, fiel mir auf, dass es mit dem Bauern auf g3 und h2 einfach gewonnen war. So gab ich meinem Gegner erneut die Gelegenheit, seinen König nach e3 zu ziehen, was er schon einmal im 98. Zug getan hatte. Hätte er dies vermieden, hätte ich einige Wartezüge gemacht, um genügend Zeit zu haben, das Bauernrennen zu berechnen. Nicht einmal, sondern sicherheitshalber dreimal!

Wenn selbst ein starker Spieler wie Dirk Paulsen in diesem simplen, angeblich „totremisen“ Endspiel zu völlig falschen Schlussfolgerungen kommen kann, dann ist seine Ausgangsbehauptung natürlich unhaltbar. Die Stellung war haltbar, aber nicht „totremis“. Als „totremis“ würde ich eine Stellung bezeichnen, die ich ohne Nachdenken gegen Magnus Carlsen halten würde. Ich habe das Läufer-Springer-Endspiel für objektiv haltbar eingeschätzt, mir aber dennoch Chancen ausgerechnet. Während der Partie berechnete ich mehrfach Varianten, die zu einer Veränderung der Bauernstruktur geführt hätten. Da diese in meinen kurzen Variantenberechnungen nicht gewinnbringend waren, lavierte ich weiter.

Wenn es der Mannschaftskampf erfordert hätte, wäre ich auch das Risiko einer persönlichen Niederlage eingegangen, um den Verlust des Mannschaftskampfs abzuwenden. Dabei geht es nicht darum, den Gegner „über die Zeit zu heben“, was mit der Bedenkzeitregelung in der Oberliga (Inkrement von 30 Sekunden pro Zug) sowieso nicht möglich wäre. Sondern es geht darum, Probleme zu stellen.

Auf der Homepage von „Weiße Dame“ findet sich ein Bericht aus der Perspektive des Gastgebers. Der Kapitän der Mannschaft, Kai Gerrit Venske, fasst die Schlussphase folgendermaßen zusammen:

So war es Franko an Brett 4 gegen FM Joachim Wintzer überlassen, in Seeschlange Nr. 2 zumindest das Remis zur schlussendlich (mindestens) verdient gewesenen Punkteteilung zu erzielen. Dieses hätte er per Zugwiederholung kurz vor meinem eingangs erwähnten Sieg schon einmal haben können, unterließ dies aber aufgrund der bis dahin unklaren Kräfteverhältnisse. Im Endspiel blieb ihm nun bei beiderseits weitgehend aufgebrauchter Zeit nichts weiter übrig, als bei gegenseitig ziemlich verschachtelten Bauernketten und einem gegnerischen Springer mit seinem Läufer alles dichtzuhalten, bis sein Gegner schließlich in den Tausch der Leichtfiguren einwilligte, weil er anders nicht mehr vorankam. Dann noch ein präziser Königszug mit Verbleib in der Brettmitte, und das Remis wäre wohl unausweichlich gewesen- aber nach 8 Stunden übersah Franko das Zwischenopfer eines gegnerischen Bauern, das zum Einbruch des Königs führte und zu einem faszinierenden Endspiel, das sein Gegner mit großer Ruhe und Übersicht zum Sieg führte. Wie glücklich unsere Gegner den Ausgang des Kampfes bewertet haben, kann der begierige Leser gerne in dem angenehm objektiven Bericht von Martina Skogvall auf des Gegners Homepage nachverfolgen, der insbesondere die Dramatik der beiden letzten Partien gut wiedergibt.

Mein Respekt für den sportlich fairen Gegner.

Als langjähriger Schachfreund habe ich eine andere Auffassung als Dirk Paulsen, was Mannschaftskämpfe angeht. Die Stärke der Schachfreunde – insbesondere in der ersten Bundesliga – beruht darauf, dass sie sich als Mannschaft präsentieren. Wenn der Mannschaftskampf an einigen Brettern schlecht steht, erhöhen die anderen Spieler das Risiko an ihren Brettern. Ein leicht besseres Endspiel an einem Brett mit Elovorteil einfach remis zu geben, wäre meines Erachtens gegenüber den Mannschaftskameraden unsportlich. Diese müssten dann unter schlechteren Bedingungen die Last tragen, einen möglichen Rückstand auszugleichen.

Während der Partie nahm ich an, dass mein Gegner irgendwann einmal eine dreimalige Stellungswiederholung hätte reklamieren können. Man hätte mir nach der Partie vorwerfen können, dass ich darauf nicht geachtet habe. Dafür fehlte mir aber die Bedenkzeit. Solange das zweite Brett nicht remisiert hatte, mochte mein Remis unsere Niederlage besiegeln. Wenn ich Dirk Paulsen richtig verstehe, hätte er an meiner Stelle remis angeboten. Ihm wäre es egal gewesen, ob der Mannschaftskampf dadurch verloren gegangen wäre. Hauptsache, er hätte sein Selbstbild eines fairen und untadeligen Sportsmanns gewahrt.

Das will ich ihm nicht nehmen:

Statt einer Duellforderung schildere ich nur meine Perspektive.

Interview mit Vizeweltweister Matthias Kribben

Mein Mannschaftskamerad Matthias Kribben

Wikipedia

ist einer der erfolgreichten deutschen Schachspieler. Im 27. Weltmeisterschafts-Finale wurde er im Mai 2014 ungeschlagen Vize-Fernschachweltmeister.

Ich habe ihm einige Fragen gestellt,die er freundlicherweise beantwortet hat:

  • Fernschach früher und heute

Wie bist Du zum Fernschach gekommen?

Als ambitionierter Jugendspieler sah ich als 17jähriger in einer Schachzeitung Ende des Jahres 1977 die Ausschreibung zur 18. Deutschen Jugend-Fernschachmeisterschaft 1978/81, zu der ich mich spontan anmeldete und bei Vereinskameraden nachfragte, wie Fernschach „funktioniert“. In der Vorrunde holte ich dann 6 aus 7, in der Zwischenrunde 9 aus 10 und im Finale 10 aus 11 und wurde damit gleich in meinem ersten Fernschachturnier Deutscher Jugendmeister (ca. 200 Teilnehmer).

Was waren Deine größten Erfolge bisher?

Neben dem Gewinn des WM-Vizetitels war ich Olympiasieger und damit Mannschaftsweltmeister mit der dt. Nationalmannschaft 2008 und nun wieder 2015.

Fernschach dürfte der einzige Sport sein, in dem jede Zuhilfenahme von externer Hilfe gestattet ist. Was unterscheidet die Analyse von Fernschachpartien vor 25 oder 30 Jahren Jahren von der Gegenwart? Hast Du Deine Analysen früher handschriftlich festgehalten? Speicherst Du heutzutage alle Analysen mit Chessbase oder einem anderen Programm ab?

Früher nahm ich komplizierte Stellungen freitags mit in den Schachverein, um dort mit Schachfreunden zu analysieren, heute kann ich täglich mit meinen elektronischen Analysepartnern an den Partien arbeiten. Und die Angewohnheit, alles handschriftlich festzuhalten, habe ich bis heute nicht ablegen können! Dazu das Speichern bei Chessbase.

Hast Du die Partien aus der Prä-Engine-Zeit analysiert und grobe taktische Fehler gefunden?

Ja, da habe ich ein faszinierendes Beispiel aus dem Finale der dt. Jugendmeisterschaft im Jahr 1981:
Kribben – Rau 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. Lg5 e6 7. f4 b5 8. e5 dxe5 9. fxe5 Dc7 10.De2 Sfd7 11.0-0-0 Lb7 12.Dg4 Db6 13. Lf4 Sc5 14.b4 Se4 15.Sxe4 Lxe4 16.Lg5 Lb7? (nach 16.-Ld5 hat Schwarz Ausgleich) 17.Sxe6 fxe6 18.Td8+ ??? Ein riesiger Fehler, wie mir erst drei Jahrzehnte später auffiel! Ich gewann zwar die Partie, aber erst nach Endspiel-Fehlern meines Gegners. Sofort gewonnen hätte ich mit 18. Td6!!!

und z.B. 18.-Lxd6 19.Dxe6+ Kf8 20.Lc4 bxc4 21.Tf1 und Matt, nachdem drei Figuren geopfert sind.


Das hätte eine Schönheitspreis-Partie werden können, aber statt dessen war ich nur darauf fixiert, die Dame für drei Figuren bei aktiver Stellung zu erhalten.

Gibt es Fern- oder Turnierschachspieler, die Du als Vorbild ansiehst?

Fritz Baumbach, mit dem ich nun auch seit einem Jahrzehnt in der Olympia-Mannschaft spiele, hat mich immer fasziniert – sein Schachverständnis, seine Geduld, seine Kreativität und wenn wir zusammen analysieren, sein Humor, sein Optimismus und seine Unverdrossenheit.

Wie viele Fernschachpartien spielst Du im Jahr?

Seit einigen Jahren spiele ich (außer einigen Showpartien) praktisch nur WM-Finale (Vize-Weltmeister), Olympia-Finale (zweimal Olympiasieger, einmal Vize) und 1. Bundesliga (zweimal deutscher Meister, einmal Vize), im Durchschnitt sind das 10-15 Partien pro Jahr.

Bist Du dank des Fernschachs ein besserer Schachspieler geworden?

Nein, denn meine große Schwäche im Nahschach ist mein schwaches Abstraktionsvermögen und das wird durch Fernschach, weil man nicht abstrakt denken muss, sondern alles ausprobieren kann, eher noch schlechter.

Was ist Deine Position auf der Weltrangliste bzw. der deutschen Rangliste?

In der Weltrangliste Platz 4 und in der Deutschen Rangliste seit zwei Jahren auf Platz 1.

  • Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Turnierschach und Fernschach

Welche Bedeutung hat das Positionsgefühl eines Fernschachspielers heute? Der bekannte Schachautor John Watson teilte seine Auffassung mir, mit, dass sich die heutigen Verfasser von Eröffnungsbüchern zu sehr auf die Bewertungen der Engines verlassen würden. Viele Stellungsbewertungen seien unzutreffend, weil die Autoren entweder nicht über die Sorgfalt oder aber über die Spielstärke verfügen würden, ein „objektives“ Bild zu geben. Ist dies auch die Scheidelinie zwischen schlechten und guten Fernschachspielern?

Auf jeden Fall! Es gibt Eröffnungen, die kann der Computer nicht richtig bewerten, z.B. Königsindisch oder wenn beide über geschlossene Bauernketten verfügen. In einer Partie mit Fernschach-Exweltmeister Mikhail Umansky bewertete damals Shredder nach 26.-Se8

die weiße Stellung mit +1,2 Bauerneinheiten im Vorteil, und zwar bei über 20 verschiedenen Zügen genau der identische Vorteil! In Wirklichkeit ist die Stellung wohl im Gleichgewicht, aber auch heute noch bewertet Stockfish mit +1,1.

Für Engines ist es ebenfalls schwierig, Stellungen mit ungleichem Material zu beurteilen. Da ist man selbst gefordert. Das Erkennen langfristiger Pläne ist auch heute noch für Engines problematisch und das Bewerten in Maßgrößen überhaupt.
So ist es bei der Abwicklung ins Endspiel oft besser in ein Springerendspiel mit minimalem Bewertungsvorteil abzuwickeln als in ein Turmenspiel mit großem Vorteil oder gar in einem ungleichen Läuferendspiel mit (scheinbar) sehr großem Vorteil zu landen.
Und das Qualitätsopfer zum Zwecke des Raumgewinns im Mittelspiel ist für die Engines ebenfalls sehr schwer zu beurteilen.

Wir haben schon Blitzpartien gegeneinander gespielt, die ich (zumeist) gewonnen habe. Insofern gehe ich davon aus, dass mein Stellungsgefühl und meine Variantenberechnung (ohne Hilfsmittel) besser als Deine ist. Was würde sich verändern, wenn wir Fernpartien gegeneinander spielen würden, in der wir dieselbe Hard- und Software verwenden könnten? Welche Analysetechniken würden es Dir ermöglichen, einen Wettkampf gegen mich zu gewinnen? Oder sind die Engines inzwischen so stark, dass überhaupt nur noch wenige Partien gewonnen werden können?

Ob ich gewinne, kann ich nicht versprechen, aber ich würde es versuchen 😉
Die Remis-Quote ist natürlich sehr hoch, weil im Fernschach keine groben Fehler gemacht werden. In diesem Jahrhundert habe ich erst zwei Partien verloren (2005 und 2007), weil ich mit Schwarz Techniken entwickelt habe, auch schwierige Stellungen in Remis-Endspiele zu überführen und mit Weiß gelingt es mir oft, den Anzugsvorteil Stück für Stück auszubauen. Das würde ich natürlich auch in unseren Partien versuchen 😉

Spielst Du regelmäßig Turnier- oder Blitzschach im Verein oder auf Schachservern ?

Turnierschach nur in Mannschaften, und zwar für Zitadelle Spandau in der Berliner Landesliga und manchmal für Osram in der Betriebsschach-Landesliga. Blitzschach mag ich überhaupt nicht und Schnellschach am liebsten in der Disziplin Chess960, bei der man von Anfang an kreativ sein kann.

  • Eröffnungen und Vorbereitung

Welche Eröffnungen wurden bei der Fernschach-WM gespielt? Gab es fundamentale Unterschiede zu den Eröffnungen der besten Turnierschachspieler? Wurden Gambits gespielt? Wird der schnelle Übergang ins Endspiel angestrebt?

Es wurde viel Spanisch und Sizilianisch gespielt, echte Gambits fast gar nicht. Französisch wird in der Weltspitze nicht mehr gespielt, es scheint bei korrektem Spiel für Schwarz verloren zu sein.

Beim Turnierschach ist es von großer Bedeutung, sich über aktuelle Partien zu informieren. Ist dies auch beim Fernschach der Fall?

Ja, ich bin aber leider zu faul, im mich auf dem Laufenden zu halten.

Welche Rolle spielen Schachbücher – insbesondere Eröffnungsbücher – für die Vorbereitung?

In den 80ern habe ich Tage und Wochen in der Deutschen Bibliothek verbracht und in den Deutschen Schachblättern und anderswo nach altem Material gesucht, um mir Inspirationen zu holen. Inzwischen gehe ich davon aus, dass alles Wichtige Einzug in die Datenbanken gefunden hat und meine Schachbücher stehen alle im Keller.

Hast Du ein festes Eröffnungsrepertoire? Oder wechselt Du von Turnier zu Turnier?

Man sollte oft wechseln, damit man nicht so leicht auszurechnen ist. Beim gerade beendeten Olympia-Finale habe ich erstmals Trompovsky gespielt und gegen Spieler aus der erweiterten Weltspitze 3,5 aus 4 geholt.

Ist es eine sinnvolle Strategie, scharfe Varianten zu spielen?

Scharf können sie durchaus sein, aber sie dürfen kein Loch haben.

  • Hard- und Software

Welches Equipment ist notwendig, um mit der Weltspitze mitzuhalten? Braucht man mehrere Computer mit reichlich RAM?

Ich bin leider technisch sehr unbedarft, habe mittelmäßig gute und recht antiquierte Rechner. Arno Nickel spielt mir alle 1-2 Jahre mal neue Software drauf, ansonsten kenne ich mich in dem Metier leider gar nicht aus.
Es gibt ja immer Spieler mit Anbindungen an große Rechenzentren, die sich dann auf deren Rechenergebnisse verlassen. Ich halte davon nicht viel, denn wenn man nur die aktuellen Stellungen analysiert, ohne Pfade vorzugeben, wird man nie erfolgreich sein können. Ich habe manchmal das Gefühl, die Spieler mit aufgerüsteten Maschinen verbringen so viel Zeit mit der Hege und Pflege ihrer Blechkisten, dass sie kaum noch zum Analysieren kommen.

Über welche Datenbanken sollte man verfügen?

Ich selbst benutze nur Fernschach-Datenbanken, weil es für mich nicht von Bedeutung ist, wenn z.B. Aronian sich mal in einer Nahschachpartie im 17. Zug zu einer Neuerung entschlossen hat. Neuerungen im Nahschach dienen oft der Verwirrung und Überraschung des Gegners und so etwas funktioniert im Fernschach nicht.

Empfiehlt es sich, die interaktive „Let’s Check“-Datenbank von Chessbase zu verwenden?

Sicher eine gute Erfindung, aber ich habe mir das noch nicht angeschaut, habe mich damit noch nie beschäftigt.

Wie nutzt man Engines richtig? Empfiehlt sich eine mehrstündige Stellungsbewertung über Nacht? Oder ist es von größerem Interesse, eine kritische Stellung von mehreren Engines ausspielen zu lassen? Oder ist es ratsam, die Monte-Carlo-Analyse zu verwenden?

Monte-Carlo funktioniert meines Erachtens nicht, bzw. vielleicht nur mit einem großen Rechenzentrum, wenn man die Engines zigmal eine Stellung ausspielen lässt.
Entscheidend ist wohl die Fähigkeit, tief in die Varianten hinein zu gehen und auch häufig die rückwärtige Analyse, indem man untersucht, wie es gelingt, eine gewünschte Stellung zu erreichen bzw. eine bestimmte Materialverteilung zu erzielen.

Welche Engines sollten für welche Partiephasen zu Rate gezogen werden?

Wenigstens ein Geheimnis möchte ich gerne noch für mich behalten.

  • Vorbereitung auf die Gegner der Fernschachweltmeisterschaft

Analysiert man die Partien des Gegners – insbesondere sein Eröffnungsrepertoire – und überlegt anschließend, welche Eröffnung man spielen sollte?

Das sollte man machen, ich hatte leider keine Zeit dazu.

Wie bereitet man sich auf die Fernschachweltmeisterschaft vor? Ist man gezwungenermaßen (menschlicher) Einzelkämpfer?

Wenn man die Zeit dazu hat, kann man viel in aktuellen Abspielen analysieren und nach Verbesserungen suchen, die man seinem Gegner dann vorsetzt. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit kommt diese Variante dann aber nicht aufs Brett und die Arbeit war umsonst.

Mit welchem Zeitaufwand muss man rechnen?

Zu Beginn hatte ich sehr wenig Zeit, später habe ich täglich 2-3 Stunden analysiert, weil ich die schwierigen schwarzen Stellungen halten und möglichst viele Weiß-Partien gewinnen wollte.

Überlegt man sich zu Beginn eines Turniers, welche Partien man auf Sieg spielen sollte – gegen die vermeintlich Schwachen und die Schwarzspieler – und gegen wen man besser schnell remisieren sollte, um die Zeit und Kräfte optimal einzusetzen?

Bei den hohen Remisquoten geht natürlich der Blick nach der Auslosung direkt auf die „Kandidaten“, die schlagbar sind und gegen die man Weiß hat. Hat man gegen die Starken Weiß und gegen die Schwachen Schwarz, dann ist kaum ein gutes Ergebnis zu erzielen. Optimal ist es, wenn man gegen die schwächeren Spieler Weiß hat, dann kann man durchaus die Hälfte der Weiß-Partien gewinnen.

  • Das Turnier

Wenn man Schachweltmeister werden möchte, kann man sich bei der Europameisterschaft für den World Cup qualifizieren. Gewinnt man diesen, erhält man einen Platz in Kandidatenturnier. Wenn man dieses gewinnt, erhält man das Recht, den Weltmeister herauszufordern. Wie wird man Fernschachweltmeister?

Von der unteren Klasse beginnend mit Aufstiegen bis zum Halbfinale und dann zum Kandidatenfinale und WM-Finale dauert es mindestens 10-12 Jahre bis man um die Weltmeisterschaft spielen kann. Durch meine hohe Elo-Zahl (überwiegend errungen durch erfolgreiche Einsätze in der Nationalmannschaft) erhielt ich einen Freiplatz für das Kandidatenfinale, das ich mit 9 aus 12 (6 Siege, 6 Remisen) gewann und mich dadurch für das WM-Finale qualifizierte.

Hattest Du Dir ein bestimmtes Ergebnis – plus 2 oder plus 3 – zum Ziel gesetzt?

Mein Ziel war Plus 1, was für eine weitere GM-Norm reichte, damit meine Serie, nämlich bei 7 teilgenommenen Turnieren mit GM-Normen auch alle 7 GM-Normen zu schaffen, hält.

Wie ist das Turnier aus Deiner Sicht verlaufen?

Der Start war nicht gut, auch weil ich wenig Zeit für Fernschach zur Verfügung hatte. Ich war immer dankbar, wenn ich abends nach Hause kam und nur einen oder zwei neue Züge in meinem Eingangskorb vorfand. Nach einigen Monaten glaubte ich, in keiner einzigen Weiß-Partie besser zu stehen und in sämtlichen Schwarz-Partien musste ich hart ums Remis kämpfen.
Mit der Zeit entwickelte es sich insofern erfreulich, dass ich die Schwarz-Partien nach und nach remisieren konnte und von den acht Weiß-Partien immerhin vier aussichtsreiche Stellungen auf dem Brett standen, von denen ich dann zwei gewinnen konnte. Aber im Vergleich zu anderen Turnieren der letzten Jahre war dies sicher eines meiner Schlechtesten!

Man erfährt nur die Ergebnisse und weiß nicht, wie die anderen Partien stehen. War dies schon immer so?

Ja, das war schon immer so (zu Zeiten des Postkarten-Fernschachs selbstredend) und nur der Administrator kennt alle aktuellen Stellungen. Aber ich finde das auch sehr spannend und es führt z.B. sogar dazu, dass auch klare Remis-Partien noch einige Wochen weiter gespielt werden, um die Konkurrenz im Unklaren zu lassen.

Hättest Du in einigen Partien noch mehr erreichen können?

In meinen acht Schwarz-Partien habe ich – teilweise mit quietschenden Reifen – remis gehalten. In den acht Weiß-Partien immerhin vier mal aussichtsreich gestanden und wenn ich davon drei statt zwei gewonnen hätte, wäre ich in diesem eher mittelmäßigen Turnier sogar Weltmeister geworden, unglaublich!

Die Gewinnpartien:

Gab es eine besondere Konkurrenz oder Kooperation der deutschen Spieler?

Ich denke, bei einem Einzelturnier sollte auch jeder einzeln spielen und keine Verbünde geknüpft werden.
Favorit war natürlich der Titelverteidiger und Elo-Beste Dronov, der dann mit Plus 3 gewann und ich mit der zweithöchsten Elozahl wurde Zweiter.

  • Pläne

Welche Fernschachturniere spielst Du derzeit?

In einer Showpartie (Nr. 4 gegen Nr. 1 der Weltrangliste) versuche ich Ex-Weltmeister Langeveld in Königsindisch zu besiegen, live zu verfolgen auf der Startseite des Welt-Fernschachverbandes auf www.iccf.com

Ansonsten begann unlängst die neue Spielzeit in der 1. Bundesliga 2015/17, bei der wir mit Zitadelle Spandau nach zwei Meisterschaften und einem Vize-Titel wieder vorne mitmischen wollen.

Was sind Deine Pläne für die nächsten Jahre? Willst Du einen weiteren Anlauf wagen?

Im Jahr 2016 starten wir mit der dt. Nationalmannschaft zum Projekt Titelverteidigung bei der Fernschach-Olympiade.
Für 2017 plane ich den Start beim Finale um die 30. Fernschachweltmeisterschaft, für das ich als Vizeweltmeister qualifiziert bin.

  • Partien und Stellungsbewertungen

Was sind Deine besten Fernschachpartien?

Reihenweise Partien, in denen ich mit Schwarz mit dem Rücken zur Wand stand und dann – aus der Not heraus – einen Kreativitätsschub bekam und eine rettende Remisabwicklung fand.

Welche kritischen Momente gab es bei Deinen Weltmeisterschaftspartien?

In einigen Partien hing der Verlust schon über mir, z.B. gegen den Niederländer van Unen:
Van Unen – Kribben 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3. d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6. Le3 e6 7. f3 b5 8. Dd2 Sbd7 9. g4 b4 10. Sce2 h6 11. 0-0-0 Dc7 12. h4 d5 13.Lf4 Da5 14. Kb1 dxe4 15.Lg2! Diesen Zug hatte ich überhaupt nicht in meiner Kalkulation. Ich ging, als ich mich einige Züge zuvor auf diese Variante einließ, nur vom Rückschlagen auf e4 aus. Der einzige nach 15.Lg2 bisher gespielte Zug 15.-Lb7 führt nun nach meinen Analysen zum Verlust, also stand ich schon am Abgrund und fand nach ewiger Suche dann eine Variante mit Minusbauern und miserabler Bauernstellung, aber mit der Perspektive des ungleichen Läufer-Endspiels, die dann genau so aufs Brett kam: 15.- e5 (neu) 16.Sc6 Dd5 17. Sxe5 Sxe5 18.Lxe5 Dxd2 19.Txd2 Lb7 20. Lxf6 gxf6 21.fxe4 Td8. Diese „schlechte“ Stellung schwebte mir vor, mit der Idee auf der offenen Linie alle Türme abzutauschen und den Springer dann zu nehmen, wenn er auf seinen starken Feldern d5 oder f5 auftaucht, sowie mit dem König nach c5 zu gehen und dieses Feld nie wieder zu verlassen. Eine komplexe Denk-Methode, die Computer nicht zu leisten in der Lage sind. Und so kam ich dann tatsäclich leicht zum Remis: 22.Txd8+ Kxd8 23.Sd4 Ld6 24.Sf5 Le5 25. Td1+ Kc7 26. Lf3 Lc8 27.Se3 Le6 28.Td3 Tb8 29.Sf5 Lxf5 30.exf5 Td8 31. Txd8 Kxd8 32. a3 bxa3 44.bxa3 Kc7 Remis

Welche wichtige theoretischen Neuerungen hast Du „ausgekocht“?

Im WM-Finale wohl keine, das war auch kein herausragendes Turnier von mir, trotz des Vize-Weltmeistertitels.
Beim letzten Olympia-Finale mit drei gewonnen Trompowsky-Partien wohl eher, weil dort die Partien wegen der kurzen Theoriephase viel eher auf eigenen Beinen standen.

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!

Von Lasker lernen 18 – Die Auflösung

Von Lasker lernen 18


Kann Weiß nicht durch De2-b5 entweder den Bauern b7 oder den Bauern d5 gewinnen?
Zur Lösung siehe den morgigen Eintrag.

Von Lasker lernen 17 – Die Auflösung

Von Lasker lernen 17


Aufgrund des Turnierstands war Lasker mit einem Remis zufrieden. Wie hätte er spielen sollen, um Gewinnchancen zu kreieren?
Zur Lösung siehe den morgigen Eintrag.

Von Lasker lernen 16 – Die Auflösung

Von Lasker lernen 16


Lasker hatte ein in der Spanischen Abtauschvariante bis dahin nicht bekanntes Stratagem ausgeführt und den Bauern f4 nach f5 gezogen. Schwarz konnte die Schwäche des Feldes e5 aber nicht ausnutzen. Wie drang Weiß nun in die schwarze Stellung ein?
Zur Lösung siehe den morgigen Eintrag.

Von Lasker lernen 15 – Die Auflösung

Von Lasker lernen 15


Beide Seiten versuchen, den letzten verbliebenen Bauern vor dem König anzugreifen. Nach Aljechins letztem Zug kam Schwarz wie in Vorteil?
Zur Lösung siehe den morgigen Eintrag.

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