Französisch 2 – Aktuelle Repertoirebücher für Schwarz

Bis Anfang der neunziger Jahre war das von Max Euwe begründete und später von fortgeführte Ludek Pachman Schacharchiv eine der besten Möglichkeiten, sich über die Entwicklungen auf dem Gebiet der Schachtheorie auf dem Laufenden zu halten. Die monatlich – später zweimonatlich – versandten Loseblätter ergaben einen kontinuierlich fortgeschriebenen Überblick. Als geistige Nachfolger können das Chessbase-Magazin und das englischsprachige Schach-Portal Chesspublishing betrachtet werden. John Watson betreut derzeit die Sektion über Französisch. Der Abonnent kann jeden Monat eine „Lieferung“ im pgn-Format mit kommentierten Partien herunterladen. Die Kommunikation geht dabei nicht nur in eine Richtung. Chesspublishing hat ein Forum zu jeder Sektion eingerichtet, bei dem sich jeder interessierte Schachfreund mit Fragen und Anregungen zu den kommentierten Partien – aber auch zu neuer Schachliteratur – zu Wort melden kann. Watson gehört zu den Autoren, die Anregungen aus dem Forum aufgreifen und in seinen Partiekommentaren verwenden.

Vor Watson hat u.a. der englische Großmeister Neil McDonald das Französisch-Forum von Chesspublishing betreut. 2008 veröffentlichte Everyman Chess den „Watson light“ – sein „How to play against e4“.

Mit der “How to play”-Serie möchte der Verlag den Schachfreund mit einer DWZ unter 2000 ein Hilfsmittel an die Hand geben, eine Eröffnung von der Pike auf zu lernen. Im Text finden sich Zeichen, mit denen Warnungen (ein Totenkopfzeichen), Hinweise (ein Klemmbrett) oder ein Tipp (eine Glühbirne) eingeführt werden. Auf diese Weise soll dem Leser Allgemeinwissen vermittelt werden. Ein Tipp lautet. „Wenn die Stellung geschlossen ist, ist eine schnelle Entwicklung keine Priorität. Es ist dann wichtiger, die Figuren auf die besten Felder zu platzieren, selbst wenn dies einige Tempi kostet.“

Gegen 3.Sc3 schlägt McDonald die „Fort Knox-Variante“ vor: 1.e4 e5 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 und nun 4…Ld7. Schwarz beabsichtigt, seinen schlechten Läufer auf e4 abzutauschen, wie es aus manchen Abspielen in Caro-Kann bekannt ist, z.B. 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sd2 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sf3 Sgf6 6.Sxf6+ Sxf6 7.c3 Lg4.

Als Alternative präsentiert er die McCutcheon-Variante. Gegen die Tarrasch-Variante propagiert er das universelle 3…Le7.

Gegen die Vorstoß-Variante offeriert er zwei Spielweisen, die von den anderen hier behandelten Repertoirebüchern nicht behandelt werden: 3…b6 und 1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.c3 Db6 5.Sf3 Ld7 6.Ld3 cxd4 7.Sxd4

Auch der niederländische Verlag New in Chess beteiligte sich in den letzten Jahren an dem beachtlichen Ausstoß an Büchern über Französisch. 2008 erschien „The flexible French. Strategic Explanations & Surprise Weapons for Dynamic Chess Players, ein laut dem Klappentext „revolutionary repertoire book for both Black and White“ aus der Feder des ukrainischen, aber in Spanien lebenden GM Viktor Moskalenko.

The Flexible French

 

 

 

 

 

 

Mir persönlich gefällt die Aufmachung der NIC-Bücher besser als die der englischen Verlage Everyman Chess und Gambit. Der zweispaltige Text enthält pro Seite zwei bis drei Diagramme, die Züge im Haupttext werden fett hervorgehoben. Die Analysen werden durch Fotos, historische Betrachtungen und persönliche Erlebnisse aufgelockert, so dass Moskalenkos Buch interessanter zu lesen ist als die Bücher seiner Konkurrenten. Der Autor kann  auf eine lange Praxis als Französischspieler zurückblicken.

Gegen die Vorstoßvariante empfiehlt er nach 3 e5 c5 4 c3 Nc6 5 Nf3 Sh6. Diese Spielweise wird ausführlich und mit vielen Worterklärungen analysiert. Wer sich allerdings darauf verlassen hatte, ein komplettes Repertoire gegen 1.e4 präsentiert zu bekommen, wird enttäuscht. So werden die von Nimzowitsch gespielten Fortsetzungen 4.Dg4 und 4.Sf3 nicht analysiert. Da Moskalenko vornehmlich aus der Perspektive des Schwarzspielers schreibt, wird auch das Versprechen eines Repertoires für Weiß nicht eingehalten. Man hätte das Buch eher in „Meine Lieblingsvarianten in der Französischen Verteidigung“ nennen sollen. Dazu gehören 3.Sc3 Lb4 4.e5 b6 („My system in the Winawer“), 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 Dc7 und 3.Sc3 Lb4 4.e5 c5 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 Da5 7.Ld2 Da4.

Auch die Steinitz-Variante 3.Sc3 Sf6 4.e5 und die Mc-Cutcheon-Verteidigung werden analysiert. Gegen die Tarrasch-Variante schließt er sich dem „Klub“ an, der 3…Le7 und die Variante mit 3…c5 und 4.Dxd5 empfiehlt. „The Flexible French“ kann kein Repertoirebuch ersetzen, es aber ergänzen.

Der englische Großmeister Simon Williams hat bereits mehrere Bücher verfasst, darunter ein Repertoirebuch zur Iljin-Genewski-Variante in der Holländischen Verteidigung. Er erzielte damit einige beachtliche Siege – auch gegen starke Großmeister. Im Eigenverlag veröffentlichte er zwei DVD zu Französisch mit dem bezeichnenden Titel „Killer French Defence“ (Ginger GM Defence 2010).

Williams ist ein gutes Beispiel für einen Autor, der seinen Enthusiasmus an seine Leser weitergeben möchte. Bei der Präsentation seiner DVD merkt der Zuschauer, dass Williams von seinen Repertoirevorschlägen überzeugt ist. Er weist immer wieder auf grundlegende Pläne und Strukturen hin.

Das 2011 bei Everyman Chess erschienene Repertoirebuch „Attacking Chess: The French. A Dynamic Repertoire for Black“

stützt sich weitgehend auf die Vorschläge seiner beiden DVD. Sein Repertoirevorschläge basieren auf der Winawer-Variante. Gegen das heutzutage meistens gespielte 7.Dg4 lässt er sich auf das doppelte Bauernopfer 7…Dc7 8.Dxg7 Tg8 9. Dxh7 ein. Auf die Tarrasch-Variante schlägt Williams diese Variante vor:  1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sd2 Sf6 4.e5 Sfd7 5.c3 c5 6.Ld3 Sc6 7.Se2 cxd4 8.cxd4 f6 9.exf6 Sxf6 10.Sf3 Ld6 11.0-0 Dc7

Die Hauptvariante geht weiter mit: 12.Lg5 0-0 13.Lh4 Sh5 14.Dc2 h6 15.Lh7+ Kh8 16.Lg6 Txf3 17.Lxh5

Williams präferiert nun  Lxh2+ 18.Kh1 Tf5 19.Lg6 Ld6 20.Lxf5 exf5,

bei der Schwarz die Qualität opfert, um dynamische Gegenspiel zu erhalten. An dieser Stelle schildert er auf einer halben Seite die Pläne von Weiß und Schwarz.

Williams‘ schachliche Einstellung gibt das Wort „if you can attack, than attack“ passend wieder. Williams ist ferner ein Praktiker. In seinem Vorwort erwähnt er eine Charakterisierung seiner schachlichen Einstellung als „Gambler“. Daher sind manche seiner Einschätzungen etwas zu optimistisch ausgefallen.

Erfreulicherweise hat sich Everyman bei diesem Buch für die übliche zweispaltige Darstellung entschieden, so dass das Buch gut lesbar ist.

Einen Monat müssen die Französischspieler noch auf eine andere Neuerscheinung warten. Der Verlag New in Chess hat für Mai “The Modern French. A Complete Guide for Black” von Dejan Antic, Branimir Maksimovic angekündigt.

 

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